Eidechsen: Interview mit Herpetologe Frederic Griesbaum

Eidechsen sind faszinierende Geschöpfe, die sich auch in heimischen Gärten wohlfühlen – so die Bedingungen und ihr Verbreitungsgebiet stimmen. Warum kommen in Deutschland „nur“ fünf Arten vor? Sind diese schuppigen Kollegen eigentlich gefährlich und was ist zu tun, um sie ins heimische Grün zu locken? Das erfahren Sie im folgenden Interview zwischen Ann-Kathrin Scheuerle (Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Stiftung für Mensch und Umwelt) und Frederic Griesbaum (Herpetologe, Mitarbeiter am Museum für Naturkunde Berlin).  


Ann-Kathrin Scheuerle: Über 300 Eidechsenarten gibt es weltweit. Bei uns in Deutschland kommt gerade mal eine Handvoll Eidechsenarten vor. Wie ist das zu erklären?  

Frederic Griesbaum: Das hat ganz verschiedene Gründe. Vor allem aber ist die Vielfalt der meisten wechsel-warmen Tiere, darunter auch der Reptilien, in wärmeren Gefilden wie den Tropen einfach höher. Es gibt zwar in Deutschland und anderen nordeuropäischen Ländern speziell kälte-angepasste Arten, aber eben nicht viele. Eine besonders hohe Eidechsenvielfalt gibt es dagegen schon im Mittelmeerraum, wo sich z. B. auf vielen kleinen Inseln eigene Eidechsenarten gebildet haben. Das trocken-warme Klima gefällt Eidechsen sehr gut, weswegen sich hier über Jahrmillionen ein großer Artenreichtum entwickeln konnte.  


Ann-Kathrin Scheuerle: Welchen Lebensraum brauchen Eidechsen?  

Frederic Griesbaum: Die Lebensraumansprüche verschiedener Arten sind ganz unterschiedlich, je nachdem an welche „ökologische Nische“ sie angepasst sind. Dieser Ausdruck beschreibt all die Beziehungen, die Eidechsen zu ihrer Umwelt haben. Unsere heimischen Zaun- und Waldeidechsen unterscheiden sich z. B. teilweise sehr stark in ihren Anforderungen an einen Lebensraum. Erstere Eidechsenart benötigt lockere, sandige Böden und offene, sonnige Landschaften. Die Waldeidechse hingegen kommt mit feuchteren und auch schattigeren Lebensräumen zurecht oder lebt gar über der Baumgrenze im alpinen Raum. Dort scheint zwar viel Sonne, die Temperaturen sind jedoch viel niedriger.  


Ann-Kathrin Scheuerle: Welche Rolle spielen Eidechsen in der Natur?  

Frederic Griesbaum: Alle Eidechsen leben hauptsächlich bis vollständig räuberisch. Das heißt: Sie ernähren sich in erster Linie von Insekten, Spinnen und Würmern. Größere Arten erbeuten auch andere kleine Reptilien. Gleichzeitig sind Eidechsen eine wichtige Beute für andere Räuber. Natürliche Fressfeinde sind Greifvögel, Marder, Füchse, größere Echsen und Schlangen. Für Eidechsen-Jungtiere sind selbst große Spinnen oder räuberische Käfer natürliche Fressfeinde. Weniger natürlich, dafür umso problematischer, sind freilaufende Katzen. Diese können neben vielen Singvögeln auch Eidechsen in ihrem Bestand gefährden.  


Ann-Kathrin Scheuerle: Was macht Eidechsen besonders? Worin unterscheiden sie sich von Schlangen?  

Frederic Griesbaum: Das auffälligste Merkmal sind natürlich die Beine, die den Schlangen fehlen. Außerdem haben die meisten Eidechsen auch sichtbare Ohröffnungen am Kopf, die wir bei den Schlangen nicht finden. Genauso fehlen den Schlangen Augenlider, während Eidechsen blinzeln können. Insgesamt gibt es noch eine Vielzahl weiterer Merkmale, insbesondere was die Anatomie der Knochen betrifft. Dennoch haben beide Gruppen einen gemeinsamen Vorfahren, der auch schon eine vierbeinige Echse war, ganz ähnlich zu den heutigen Eidechsen.  


Ann-Kathrin Scheuerle: Zählt die Blindschleiche auch zu den Eidechsen?  

Frederic Griesbaum: Nein, die Blindschleiche ist zwar keine Schlange, sondern eine beinlose Echse. Zur Familie der Eidechsen (Lacertidae) zählt sie aber auch nicht.  


Ann-Kathrin Scheuerle: Sind Eidechsen für uns Menschen gefährlich? Sprich: Können sie uns zum Beispiel durch ihren Biss verletzen?  

Frederic Griesbaum: Nein, Eidechsen sind überhaupt nicht gefährlich. Sie beißen nur dann, wenn jemand versucht, sie zu fangen. Das ist allerdings streng verboten, weil unsere heimischen Arten alle geschützt sind, und würde auch kaum gelingen, weil sie vorher sehr schnell und erfolgreich fliehen würden.  


Ann-Kathrin Scheuerle: Was fasziniert Sie persönlich an Eidechsen?  

Frederic Griesbaum: Ich war schon immer ein großer Fan von Amphibien und Reptilien. Dabei liegt mein wissenschaftlicher Fokus meist eher auf Fröschen und Schlangen. Eidechsen sind mir aber ebenfalls ans Herz gewachsen, weil ich sie recht gut in der freien Natur beobachten kann und sie dabei auch ein sehr interessantes Verhalten zeigen. Insbesondere während der Paarungszeit sind spannende Revierkämpfe und Balzen zu beobachten.  


Ann-Kathrin Scheuerle: Welche Rolle spielt eine naturnahe Gartengestaltung für Eidechsen? Und damit verbunden auch die Frage, was jede*r in Deutschland tun kann, um bessere Lebensbedingungen für Eidechsen zu schaffen?  

Frederic Griesbaum: Tatsächlich spielt die naturnahe Gartengestaltung eine sehr große Rolle! Sie entscheidet darüber, ob im Garten Eidechsen leben können oder nicht. Ein Tipp dazu: Kleine Steinmauern oder Totholzhaufen helfen Eidechsen sehr. Selbstverständlich ist auch der Verzicht auf Pestizide, insbesondere auf Insektizide, sehr wichtig. Aber: Bevor ein Garten nicht die entsprechenden Strukturen bietet, die Eidechsen brauchen, kann man so wenig Gift verspritzen, wie man will… Es werden sich keine Eidechsen ansiedeln.  

Sowohl private Hausgärten als auch Kleingärten können aufgrund ihrer kleinräumigen Strukturen hervorragende Lebensräume darstellen und auch eine wichtige Funktion bei der Vernetzung anderer natürlicher Habitate spielen. Daher wäre es sehr wünschenswert, dass mehr Menschen einen kleinen Platz für diese netten Insektenfresser im Garten schaffen!   

Leider sind Eidechsen aus großen Teilen der Landschaft bereits verschwunden. Insbesondere im urbanen Raum können sie auch kaum mehr neue Flächen besiedeln. In diesen Fällen und auch angesichts der flächenmäßig stark überrepräsentierten Landwirtschaft kann der oder die Einzelne also gar nicht sehr viel ausrichten. Politisch Druck zu machen, ist zum Beispiel eine gute Idee! 

Stiftung für Mensch und Umwelt & Museum für Naturkunde Berlin (SMU & MfN)  

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