Erst denken – dann starten

Wer in einer Baumschule junge Apfelbäume kauft, der weiß, dass sie nicht so klein bleiben, sondern zu (mitunter) riesigen Bäumen heranwachsen können. Das weiß man – eigentlich. Trotzdem werden immer wieder Bäume und Sträucher zu nah aneinander gepflanzt. „Ach, da ist doch noch sooo viel Platz zwischen…“ heißt es dann. Sind aber zehn Jahre ins Land gegangen, greifen die Äste der Bäume bereits ineinander und stören sich gegenseitig. Jetzt noch umpflanzen? Lieber nicht. Hätte man damals schon an die Zukunft gedacht, hätte man heute nicht die Probleme. Hätte, hätte! Insbesondere im Garten ist es wichtig, nicht nur die Gegenwart zu betrachten, sondern gleichzeitig auch an die Zukunft zu denken, da alle Pflanzen nun einmal wachsen und dabei höher, breiter oder länger werden; das gilt teilweise auch für das unterirdische Wachstum. Man kennt das sogar im Gemüsegarten von den zu eng gesäten Möhren sowie den zu dicht gepflanzten Blumenkohl und Tomaten. Beides kann eine verminderte und umständliche Ernte verursachen.    

Nachdenken lohnt sich auch, wenn man den Garten umgestaltet bzw. nach dem Hausbau neugestaltet. Muss wirklich alles gerodet werden, um Platz für Neues zu schaffen? Vielleicht passt ein vorhandener Baum oder Großstrauch doch in die Neuplanung und sorgt für eine abwechslungsreichere Struktur. Wenn neue Bäume und Sträucher geplant sind, muss man sich vor Beginn der Pflanzarbeiten zudem überlegen, ob in ein paar Jahren zum Beispiel die Fenster beschattet werden und die geliebte Sonne dann nicht mehr auf den Frühstückstisch scheint. Oder ob ausladende Äste später bei starkem Wind Dach oder Fassade beschädigen können. Oder auch ein anderer Aspekt: die Wurzeln. So ist es zum Beispiel bei Sanddorn und Robinie völlig normal, dass ihre unterirdischen Teile auch viele Meter vom Stamm entfernt zu finden sind und plötzlich Wurzelaustriebe irgendwo im eigenen oder in des Nachbarn Garten auftauchen. Davon ist nicht jeder begeistert. Also: vorher informieren!   

Noch etwas sollte man vorm Start bedenken: im Laufe des Jahres entledigt sich ein Baum von so einigem. Dass Blätter im Herbst heruntersegeln und damit Arbeiten anfallen, das weiß man noch. Aber dass auch Blütenblätter (Magnolie hat zahlreiche und große Blüten), Knospen, Blütenstaub, kleine Zweige und ab und an sogar Äste zu entsorgen sind, vergisst man leicht. Manche Zierpflanzen tragen zudem Früchte. Beim Zierapfel sind heruntergefallene faule Früchte nicht die Ausnahme. Holunder und Mahonie haben stark färbende Beeren; und diese Farbstoffe verschwinden im Körper von Vögeln nicht immer… Also sollte man sich fragen: nehme ich das alles einfach hin oder platziere ich die Pflanze vielleicht doch besser so, dass diese Begleiterscheinungen niemanden stören?   

Vorausschauend denken sollte man auch in einem anderen Gartenbereich. Warum soll ein Balkongärtner 50 Paprika- oder Gurkensamen in seine Aussaatschalen säen? „Vielleicht kommt ja nicht alles aus und dann habe ich zu wenig“, wird dann als Hauptgrund angegeben. Aber aus 50 Samen werden es zumeist mindestens 40 Pflanzen. Wer in dem Fall ein hartes Herz hat, der sucht sich die fünf besten Pflanzen heraus und entsorgt den Rest. Aber bringt man das wirklich über’s Herz?    

Genauso ist es auch mit gepflanzten 40 Salat- und 10 Zucchinipflanzen. Sieht auf dem Beet super aus. Aber wer, um alles in der Welt, soll das alles essen? Am Ende schießt der Salat, da das Erntezeitfenster relativ klein ist und die Zucchinifrüchte vergammeln, weil Nachbarn, Arbeitskollegen und Verwandte irgendwann doch dankbar ablehnen. Hätte man da nicht besser jeweils weniger angebaut und stattdessen andere Gemüsesorten auf den freien Beeten ausprobiert!?    

Bei Obstbäumen und -sträuchern fallen mitunter große Erntemengen an. Alles köstliche Früchte. Aber bei der Pflanzung muss man realistisch bleiben: schaffe ich es, neben meinem Job auch das anfallende Erntegut zu verarbeiten? Es muss ja nicht nur gepflückt werden, sondern auch verlesen, gesäubert, zerkleinert und gegebenenfalls gekocht werden. So etwas sich für einen einzigen Abend vorzunehmen, ist schon sehr optimis­tisch gedacht; denn die halb zubereiteten Früchte können zumeist nicht bis zum nächsten Abend warten, um fertig verarbeitet zu werden – sie sind dann nicht mehr frisch. Die möglichen Folgen: die Einmachgläser halten nicht und die Marmelade verschimmelt. Auch ein Wochenende dafür einzuplanen, klappt nur dann, wenn wirklich keine Geburtstags-, Hochzeits-, Jubiläums- oder sonstige Feier anfällt. Besser ist es zum Beispiel, anfangs mit der Pflanzung von jeweils einem Baum oder Strauch einer Obstsorte zu beginnen, um später festzustellen, wie viel man sich zeitlich und körperlich zutrauen möchte. Auch früh- und spättragende Sorten zu wählen, kann hier für eine Entzerrung des Termindrucks sorgen. In der Baumschule sollte man auf jeden Fall nachfragen, ob es mit einem Exemplar klappt oder ob zusätzlich eine Bestäubersorte dazu gepflanzt werden muss, um eine Ernte einfahren zu können.   

Es mag sein, dass in unserer „Just in time“-Zeit ein Beachten der Zukunft nicht mehr „in“ ist. Manchmal scheint es zudem, dass man in diesem Technik- und KI-Zeitalter das Denken getrost anderen überlassen kann. Aber gerade im Garten kann jeder es Jahr für Jahr erleben: eigenes Nachdenken hat noch keinem geschadet! 

Manfred Kotters     


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