Wir gehen die Bäume hoch

Manche Pflanzen gehen die Bäume hoch, weil es ihnen Spaß macht, weil sie es können. In warmen Urwäldern ist es für solche Lianen die einzige Möglichkeit, ans Licht, dem Wachstumsfaktor Nr. 1, zu kommen. Auch hierzulande spielt sich Ähnliches ab, in freier Natur gut zu beobachten und eine Möglichkeit, im eigenen Garten wunderbare Motive zu schaffen.     

Am besten befasst man sich mit Pflanzen, die bereits in freier Natur ihr Können beweisen. Ein Vorbild ist die wilde Clematis vitalba, überall in Deutschland anzutreffen, häufig entlang von Eisenbahndämmen und Straßenböschungen, wo sie einzelne Gehölze oder ganze Gehölzgruppen ummantelt, im Juni weiß blüht und im Herbst schopfartige, silbrige Fruchtstände produziert. Allerdings wächst sie mit gut 10 m zu stark für Gärten. Clematis montana mit weißen, anemonen­artigen Blüten, nebst der rosafarbenen Sorte ‚Rubens‘, passen besser. Beide sind ungemein stimmig, wenn sie einem älteren, größeren Baum eine zweite Blüte verpassen. Montana ist etwas anspruchsvoller als Vitalba, was Winterhärte betrifft. Sie reicht jedoch, wenn der Haltebaum nur etwas geschützt steht. Wie alle Clematis-Arten möchte sie es im Wurzelbereich schattig, oben herum sonnig haben, den Boden humos, durchlässig, nährstoffreich. Clematis triternata ‚Rubromarginata‘, eine englische Züchtung, ist für gedämpft rot bis violett gefärbte, glockige Blüten von Juli bis einschließlich September zuständig, verlängert also die Clematis-Blüte, ist weniger wüchsig, wird bis 5 m hoch, ist gesund und frei von Clematis-Welke, macht sich gut in alten Obstbäumen.     

Ein zweiter Schlinger, der das Bäumesteigen in der freien Landschaft gekonnt vorführt, ist Waldgeißblatt Lonicera periclymenum, klettert 3–6 m hoch, liebt guten Gartenboden, blüht im Mai/Juni mit weißlichen, intensiv duftenden Blüten. Diverse Amorstündchen in der betörend duftenden Jelängerjelieber-Laube sind literarische Vorbilder pur. Dazu kommt Lonicera caprifolium mit cremefarbenen, rötlich überlaufenen Blüten, die vor allem Nachtfalter und Hummel unwiderstehlich anlocken.    

Sind diese Kletterer erst einmal oben, braucht man sich nicht viel um sie zu kümmern. Eventuell ist hin und wieder etwas stärkerer Rückschnitt fällig. Es gibt weitere Arten, doch eignen sich nicht alle für Bäume, was mitunter auch Ansichtssache ist.      

Zum Beispiel sollte Blauregen seine umfangreichen Blütenstände frei hängen lassen können, abgesehen davon, dass er schwächere Gehölze mit seinen Trieben regelrecht strangulieren kann. Mit Efeu halte man sich unbedingt zurück, zumal er so unscheinbar blüht, dass es gar nicht auffällt. Es ist alles nur grün. Empfindliche Nadelgehölze haben für seine enge Nachbarschaft nichts übrig, gehen sogar ein. Von kletternden Rosen war nicht die Rede, doch das ist eine andere Sache, die ein Sonder­thema wert ist. 

Ilse Jaehner     

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