Es gibt auch brave Gartensorten
Wird es schon im Januar Frühling? Mitunter scheint es so, denn an besonders geschützten, warmen Böschungen des Waldrandes baden in Sonnenstrahlen erste Blütchen von Scharbockskraut, im Volksmund Butterblume. Wo es nachdrücklicher Winter wird, blüht diese Wildstaude entsprechend später, doch im Februar auch dort dotterblumengelb. Dieses Blühen fällt auf, Pflanzenfreunden so sehr, dass sich schon manche ein paar Ableger in den Garten holten, dies jedoch bald danach bereuten. Scharbockskraut wuchert gern in andere Stauden hinein und ist dann nur mit erheblichem Aufwand wieder loszuwerden. Also Finger weg von Scharbockskraut als Gartenpflanze, so hübsch es aussehen mag.
Man kann aber vom hohen Vitamin C-Gehalt frischer Blätter profitieren, zusammen mit weiteren von Löwenzahn, Giersch und anderen. In früheren Zeiten half Scharbockskraut den gefürchteten Skorbut der Seefahrer nicht aufkommen zu lassen. Heutzutage ist akuter Vitamin C-Mangel bei derart reichlichem Angebot von frischem Obst und Gemüse selbst im Winter selten, eine Frühlingskur mit kombiniertem Grün dennoch nützlich. Dabei muss man beherzigen: Blätter vom Scharbockskraut nur vor der Blüte pflücken, danach nicht mehr und nie in größerer Menge verzehren.
In Skorbutzeiten hieß Scharbockskraut botanisch Ranunculus ficaria, zur Hahnenfußfamilie gehörend. Deren Mitglieder sind meist kenntlich an stark eingeschlitzten Blättern, die Hahnenfüßen ähneln. Davon ist allerdings bei Scharbockskraut nichts zu sehen. Dessen Blätter sind nierenförmig und glattrandig. Weil die Familienzugehörigkeit auch sonst weniger eng ist, heißt Scharbockskraut inzwischen botanisch Ficaria verna. Ficaria ist ein Hinweis auf die feigwarzenähnlichen winzigen Blatt- und Wurzelknöllchen, mit denen sich Scharbockskraut außer mit Samen auch noch vermehrt, was die Bekämpfung im Garten weiter erschwert.
Also Finger weg vom Scharbockskraut im Garten. Doch wie so oft gelten Ausnahmen von der Regel. Es gibt Gartenformen von Ficaria verna, die besonders in England beliebt sind, kleine Vorfrühlingsblüher, die nicht stören, sondern mit Blättern und Blüten gefallen. Sie warten auf mit unterschiedlich gefärbten Blüten, einfachen, gefüllten, halbgefüllten, intensiv gefärbten Blättern bis zu bronzefarbigen, dunklen und panaschierten. Die meisten Sorten sind englische Züchtungen mit englischen Namen, doch es existiert auch die Sorte ‚Berliner Bronzeblatt‘. Hierzulande ist es etwas schwierig, an diese Frühlingsblüher, die auch verschiedenen Insekten gefallen, heranzukommen. Bei Interesse wende man sich an Sarastro-Stauden in Österreich oder an Geißmayer in Deutschland. Ficaria verna-Sorten wuchern nicht und haben keine Bulbillen in den Blattachseln. Sie lieben sonnige, warme Plätze, normalen Gartenboden, ziehen bald nach der Blüte ein, verschwinden für ein Jahr.
Ilse Jaehner