Geißblatt lockt die Nachtfalter an

Schlinger benötigen Halt

Auf viele Fluginsekten haben die Blüten des Geißblattes eine magische Wirkung; tagsüber sind sie von Tagfaltern, Hummeln und Bienen umlagert und abends, wenn sie einen berauschenden Duft ausströmen, von zahlreichen Nachtfaltern. 

Nimmt man sich einmal die Zeit, diesem Treiben am Tage zuzuschauen, wird einem auffallen, dass sich viele Insekten vergebens bemühen, um an den Nektar zu gelangen. Bienen versuchen immer wieder, auf der glänzenden Unterlippe der Blüte zu landen, rutschen aber jedes mal ab und starten einen neuen Versuch. Dahinter steckt eine fein abgestimmte Anpassung von Blüten und bestäubenden Insekten im Laufe der Evolution. Nur Insekten, die über einen langen Saugrüssel verfügen, einige Tagfalter und fast alle Nachtfalter, schaffen es, bis zum Nektar vorzudringen; ungebetene Gäste werden zwangsläufig vor die Tür gesetzt. Nur die Hummeln machen dieses Spiel nicht mit; sie schaffen sich, wie auch bei anderen unerreichbaren Blüten, mit Brachialgewalt Zugang zum Nektar. Von außen beißen sie am Anfang der Kronröhre ein Loch und bedienen sich, ohne die Blüte zu bestäuben. Nach Eintritt der Dämmerung schwirren dann unzählige Nachtfalter heran, die nach der Obstbaumblüte den ganzen Sommer über am blühenden Geißblatt Nahrung finden und an benachbarten Gehölzen ihre Eier ablegen. Nur in kalten, feuchten Sommern ist die Population der Nachtfalter geringer, was man daran ablesen kann, dass das Geißblatt nur wenige Früchte ausbildet. 

Wild wachsend in Wäldern und am Waldrand findet man bei uns Jelängerjelieber (Lonicera caprifolium) und das Waldgeißblatt (L. periclymenum). Für den Garten lassen sich vor allem Hybriden empfehlen, die besonders große und außerordentlich viele stark duftende Blüten entwickeln, die zudem den ganzen Sommer bis in den Herbst hinein blühen. Als erste ist das Feuer-Geißblatt (L. x heckrottii) zu nennen mit bis zu zwölf Zentimeter großen roten Blüten, die sich zur Vollblüte zweifarbig gelb/rot färben; die Blütezeit ist von Juni bis September. Dottergelb blüht zum Anfang des Sommers das Gold-Geißblatt (L. x tellmanniana) es entwickelt zur Zeit häufig noch eine Nachblüte. Als stets Laub tragender Vertreter, der gut häßliche Mauern überdeckt, ist das Immergrüne Geißblatt (L. henryi) zu nennen.  

Alle Geißblattarten sind Schlinger und benötigen einen Halt, seien es Mauern und Zäune oder Pergolen, Bögen, Drähte und Gerüste. Sie erreichen eine Höhe von drei bis vier Metern und vertragen nach einigen Jahren auch gut einen Verjüngungsschnitt. Möglich ist es aber ebenso, das Geißblatt zur Bodenbegrünung zu nutzen, indem die Pflanzen nicht hochgebunden werden. Einen naturnahen Eindruck erreicht man, indem man die Pflanzen an verkahlende Bäume und Sträucher pflanzt, die somit den Zweck eines Halt­egerüstes übernehmen. Das Gewirr der vielen schlingenden Äste schafft dann zugleich ein ideales Vogelschutzgehölz.

Von den Ansprüchen her ist das Geißblatt mit jedem normalen Gartenboden zufrieden, Staunässe sowie Trockenheit sind aber zu meiden. Als Bewohner des Waldes halten sich die Lichtansprüche auch in Grenzen; ein halbschattiger Platz reicht aus. Man sollte aber bedenken, dass sich an einem vollsonnigen Standort bedeutend mehr Blüten entwickeln, die an warmen Sommerabenden ihren berauschenden Duft ausströmen. 

Foto und Text: Peter Busch