Pflanzen mit Geschichte

Wer lange einen Garten sein Eigen nennt, der kennt das: von so manchen Pflanzen gibt’s was zu erzählen. Sei es ein Baum, gepflanzt zur Hochzeit oder Geburt, ein außergewöhnlicher Fund in einer außergewöhnlichen Gärtnerei oder ein besonderes Geschenk, das einen an ein unvergessliches Ereignis erinnert.  

So ist das auch, wenn ich durch meinen Garten schlendere – einfach nur so, ohne Hacke oder Gießkanne. Dann fällt mir oft auf, dass ich zu den langjährig dort wachsenden Pflanzen immer eine Geschichte erzählen kann. Zumeist handelt sie davon, dass der Zufall es so gewollt hat, dass sie da sind – ein professioneller Gartenplaner hat nämlich bisher noch keinen Fuß in meinen Garten gesetzt (das ist bestimmt auch besser so). Die Bäume und Sträucher sind sozusagen mit mir groß geworden. Im wahrsten Sinne des Wortes: die jetzt rund 10 m hohe Robinie habe ich zum Beispiel 1982 als 10 cm großes Minipflänzchen bei meinen Schwiegereltern aus deren Garten mitgenommen, kurz nachdem ich mich dort als neuer Freund der Tochter – und meiner heutigen Ehefrau – vorgestellt hatte. Meine Versuche, auf deren Ästen Misteln anzusiedeln, haben auch nach mehreren Anläufen nicht geklappt. Nach dem, was ich heute über Mistel weiß: Gottseidank! Die danebenstehende Hainbuchenhecke musste ich ganz kurzfristig einplanen, da ein Freund von mir irrtümlicherweise viel zu viel Jungpflanzen gekauft hatte und mich fragte, ob ich nicht die übrig gebliebenen haben möchte: „Du hast doch einen so großen Garten…“. Damals dachte ich noch: „Wohin nur damit?“ Und heute bin ich froh, dass die Hecke dort steht und meinen Komposthaufen beschattet. Ich musste eben auf die jeweilige Situation reagieren und später versuchen, das Beste daraus zu machen. Ich musste mich dann stets kurzfristig entscheiden: weg damit, weiter verschenken oder etwas ausprobieren? Gerade dieses „Ausprobieren“ ist ja die große Freiheit von uns Hobbygärtnern – sei es eine neue Gurkensorte oder auch eine spontan wachsende unbekannte Pflanze, die man erst mal stehen lässt. So gedeihen die Wildbirne mit ihrem eleganten, aufrechten Wuchs und die Kirschpflaume mit den vielen säuerlichen Früchten dort, weil sie ursprünglich mal Nashi-Birne bzw. Mirabelle waren. Der „richtige“ Baum ist eingegangen und die Unterlage ist ausgeschlagen und durfte bleiben – eben als Versuch. Ich habe sie als Baum erzogen; beide haben mittlerweile eine stattliche Größe erreicht und gefallen mir immer noch richtig gut.  

Aber nicht nur Großpflanzen haben eine Geschichte bei mir, sondern auch Stauden oder Einjahrespflanzen. So gibt es die Wiesenflockenblumen nur, weil ich den Samen vom Straßenrand in Rheinland-Pfalz hier an den Niederrhein gebracht habe. Seit sie sich auf meinem Gelände etabliert haben, kommen jährlich die Distelfinken, um sich den Samen zu holen. Die Nachtkerzen blühen hier, weil unerwartete Übernachtungsgäste aus Essen mir ein paar Körnchen, wie versprochen, per Post zugesandt haben. Jetzt haben die Nachtfalter ein noch abwechslungsreicheres Angebot. Mariendisteln säen sich jährlich in meinem Garten aus, weil ich die Pflanze vor Jahren auf einem Brachland sah und sie für eine Artischocke gehalten hatte – stimmte zwar nicht, jedoch sorgt seitdem die zwar recht wehrhafte, aber imposante Pflanze mit ihren marmorierten Blättern dafür, dass viele Hummeln und Bienen sich an den großen Blüten den Nektar holen können. Zu einem Gewächs aber habe ich eine ganz besondere Beziehung: zum Ruprechts-Storchschnabel (auch „stinkender Storchschnabel“ genannt). Diese Pflanze mit dem typischen Geruch wuchs auf dem Bahngelände neben meinem Elternhaus und begleitete mich durch meine gesamte Kindheit. Danach hatte ich diesen Storchschnabel aus den Augen verloren. Viele Jahre später wuchs er wieder spontan in meinem Garten. Sofort war die Kindheit und der heute längst abgetragene Bahndamm wieder in meiner Erinnerung präsent. Jetzt achte ich darauf, dass jährlich zumindest ein Ruprechts-Storchschnabel mich mit seinem Duft (für mich stinkt er natürlich nicht) an meine frühen Jahre erinnert. 

Gerade solche Erinnerungen und Geschichten sind der Grund dafür, dass ein Garten immer für Überraschungen gut ist, da oft unerwartet neue Pflanzen und damit manchmal auch Tiere auftauchen und Reaktionen herausfordern. Andererseits verabschieden sich auch Gewächse – aus den verschiedensten Gründen. Deshalb ist ein Garten stets eine unendliche Geschichte.  

Manfred Kotters