Ohrwürmer fressen nicht nur Blattläuse

Nützlinge – störende Tiere werden umgesiedelt

Überall dort, wo Läuse zu beobachten sind, ist er ein häufiger Gast. Er ernährt sich mit Vorliebe ebenso von ihnen wie von kleinen Raupen und Insekteneiern. Fehlt ihm diese tierische Nahrung, frisst er allerdings auch an Blüten und Blättern oder an Obst. Vom Spätsommer bis zum Herbst kann man ihn tagsüber versteckt in Blüten oder Blattwinkeln und abends aktiv herumkrabbelnd im Garten ­finden: auf den Obstbäumen, auf Gemüse- und Kräuterpflanzen und auf Blumen.

Trotzdem gehört der Ohrwurm im naturnahen Garten zu den Nützlingen, die durch Unterschlupfhilfen gezielt zu fördern sind. Am häufigsten sieht man so genannte Ohrwurmbungalows; dies sind mit Holzwolle gefüllte Tonblumentöpfe, die mit der Öffnung nach unten in Obstbäume gehängt werden. Wichtig dabei ist, dass der Rand der Glocke an einem Ast oder Stamm anliegt, damit die Tiere die Behausung besser erreichen. Sorgen im Spätsommer die Ohrwürmer, auch aus Mangel an Läusen, eher für einen Schaden als für einen Nutzen, lassen sie sich einfach tagsüber in naturbelassene Ecken des Gartens umsiedeln, indem man die mit den Tieren stark besiedelten Blumentöpfe dort entleert.

Für viel Verwirrung sorgt bei diesem Insekt immer noch sein Ruf; schließlich lebt er seinem Namen nach in Ohren und ist ein Wurm. Aber beides ist falsch. Weder nistet er sich in Ohren ein und zwackt am Trommelfell, wie in Erzählungen von Wilhelm Busch, noch gehört er zoologisch zu den Würmern; er wird den Insekten zugeordnet.

Da Ohrwürmer Nachtjäger sind, ist ihr Gehör- und Gesichtssinn nicht ausgeprägt; sie verlassen sich auf ihre Antennen als Tastsinnesorgane. Charakteristisch sind für diese Insekten ihre zangenförmigen Körperanhänge. An den Zangen am Hinterkörper kann man bei den Ohrwürmern Männchen und Weibchen unterscheiden: Die Zange ist beim Männchen stark gekrümmt, beim Weibchen dagegen fast gerade. Als Greif-, Kneif- und Tastwerkzeuge spielen die Zangen eine wichtige Rolle; sie ergreifen mit ihrer Hilfe die Beutetiere, wehren Feinde ab, benutzen sie als Drohgebärde, entfalten mit ihnen ihre Flügel und gebrauchen sie zum Festhalten bei der Paarung.

Ohrwürmer überwintern gesellig unter Steinen und in der Laubschicht. Im Frühjahr legen die Weibchen bis zu 50 Eier in kleine Erdgruben. Aus diesen Eiern schlüpfen kleine Larven, die den erwachsenen Tieren schon ziemlich ähnlich sind. Außer ihrer Größe unterscheiden sie sich lediglich durch die Zahl der Körperringe und Antennenglieder und durch die Form der Zangen. Die Ohrwurmweibchen betreiben bis zu zwei Monate eine ausgeprägte Brutpflege: sie hüten und säubern die Eier und Larven. Bei Trockenheit sind sie sogar in der Lage, Eier und Larven an einen neuen Ort zu bringen. Innerhalb von zwei bis vier Monaten entwickeln sich die Larven über drei Häutungen zu Vollinsekten; normalerweise werden in einem Jahr zwei Gelege aufgezogen. 

Jetzt im Spätsommer findet man daher besonders viele Ohrwürmer, die im nächsten Jahr zeitig zur Stelle sind, um die Läusepopulationen zu dezimieren. Deshalb lohnt es sich auch, wohlwollend über kleine Schäden hinwegzusehen und nicht etwa diesen Tieren nachzustellen. 

Peter Busch