„Wein schneiden ist wie Fahrrad fahren.“

Obwohl sogar im hohen Norden Wein angebaut wird, ist meine nieder­rheinische Heimat nun wirklich kein Weinanbaugebiet. Deshalb hatte ich mir über den Anbau dieses Obstgehölzes nie Gedanken gemacht. Doch dann stand mir eine unbeschattete Südwand zur Verfügung – zu trocken für viele Gehölze, aber ideal für Wein, da eine Steinwand die Trauben noch über den Abend hinaus mit Wärme versorgen kann. Da diese Pflanze außerdem im Laufe der Jahre immer tiefer wurzelt, hat sie somit kaum Probleme mit trockenen Sommern. Da Riesling oder Spätburgunder hier im Flachland nicht in Frage kommen, habe ich mich für die Sorte ‚Boskoops Glory‘ entschieden, die in diesen Gefilden problemlos und, bis auf ein paar Pockenmilben, gesund gedeiht. Da sie sonnenverwöhnt ist, schmeckt sie zuckersüß und bereichert unseren Obst­genuss (roh oder als Gelee) eine lange Zeit. Mein Versuch allerdings, daraus Wein herzustellen, war nicht von einem wohlschmeckenden Getränk gekrönt worden.   

Nachdem ich in den ersten Jahren die Haupt- und Seitentriebe so geleitet hatte, dass ein vernünftiges Grundgerüst entstanden war, konnte ich mich darum kümmern, auch an eine entsprechende Ernte zu denken. Da hieß es dann: wie schneide ich den Wein richtig? In meinem Innern hatte ich immer das Gefühl, dass ­diese Tätigkeit zur Königsdisziplin im Obst­anbau zähle. Wie sollte ich das schaffen – so gänzlich ohne Winzerausbildung? Mit Internet, einer scharfen Schere und dem Mut des Verzweifelten ging ich ans Werk. Und was soll ich sagen? „Wein schneiden ist eigentlich so wie Fahrrad fahren: wenn man erst einmal weiß, wie es geht, ist es ganz einfach.“ – Wie so oft.    

Wissen musste ich, dass aus den Augen (= Knospen) der Rute (= des Zweiges), die im vergangenen Sommer Trauben getragen hatte, Triebe wachsen, die dann im darauffolgenden Sommer Blüten und Früchte bringen. Da solch eine abgeerntete Rute aber zu viele Augen hat, schneide ich so, dass lediglich zwei Augen verbleiben und nur noch ein Zapfen (= Stummel) übrig ist. Somit wachsen im Frühjahr nur aus diesen zwei Augen zwei fruchttragenden Ruten. Bemerke ich nach dem Austrieb, dass eine der neuen Ruten schwächelt, entferne ich sie und stärke so die verbliebene. Entwickeln sich dagegen beide kräftig, lasse ich sie wachsen, beobachte allerdings die Fruchtansätze und reduziere diese beim Sommerschnitt (siehe unten) gegebenenfalls.    

Beim Winterschnitt im nächsten Jahr stehen also an dem Zapfen von diesem Jahr zwei lange Ruten, die im besten Fall beide Früchte hervorgebracht haben und in der Lage wären, aus ihren Augen wiederum Ruten zu bilden, die dann im nächsten Sommer Früchte tragen würden. Deshalb die gleiche Prozedur wie im letzten Jahr: auf einen Zapfen mit zwei Augen zurückschneiden. Aber nur bei einer Rute, die zweite entferne ich, da ansonsten zu viele frucht- und blatttragende Ruten gebildet würden und die reifenden Trauben zu wenig Sonne bekämen. Außerdem bleiben die Beeren recht klein, wenn die Pflanze zu viele Fruchtstände versorgen muss. Es ist also immer derselbe Gedanke, der mir durch den Kopf geht, wenn ich überlege, was und wie viel ich schneiden muss. Um zu verhindern, dass mit den Jahren die jeweiligen Verlängerungen der verbliebenen Zapfen einen zu langen Zweig bilden, nutze ich einen frischen Seitentrieb am Haupttrieb für die Erziehung einer neuen fruchttragenden Rute und schneide den in die Jahre gekommenen Zapfen entsprechend ab. Eins noch: Während beim Obstbaumschnitt zumeist dicht über einem Auge geschnitten wird, setze ich beim Wein die Schere mittig zwischen zwei Augen an, damit das verbliebene Auge nicht durch das Abtrocknen des Zweigrestes in Mitleidenschaft gezogen wird.    

Diesen Winterschnitt erledige ich, wenn der strenge Winter vorbei und das Frühjahr noch nicht angebrochen ist: Ende Februar bis Anfang März, wenn es frostfrei und trocken ist. Durch diesen Zeitpunkt erreiche ich, dass entstandene Frostschäden weggeschnitten und neue Schäden erfahrungsgemäß nicht mehr auftreten. Außerdem muss ich so frühzeitig sein, dass der Saft in der Pflanze noch nicht steigt. Gibt es nämlich zu viele warme Tage und der Wein beginnt mit dem Austrieb, bluten bei dann durchgeführten Schnittarbeiten die Schnittstellen lange nach. Das tötet die Pflanze zwar nicht, schwächt sie aber beim Start in das neue Jahr.    

Noch etwas zum Sommerschnitt, den mache ich, wenn aus den Blüten kleine Früchte geworden sind: auch da richte ich mich immer nach festen Regeln. Als erstes schaue ich mir die entstandenen Trauben an und entferne grundsätzlich die schwächere, so dass immer nur eine Traube pro Rute übrigbleibt. Haben dagegen beide Fruchtstände größtenteils nur wenige kleine Beeren, fallen auch beide der Schere zum Opfer – wie im Übrigen auch sämtliche anderen unbefriedigenden Fruchttrauben. Insgesamt fallen rund 50–70% der Fruchtstände meiner Schere zum Opfer. Natürlich blutet mir dabei das Herz, aber bei der Ernte werde ich mit dicken Beeren belohnt, von denen ich die besten in Gazebeutel verpacke, um den Vögeln die Mahlzeit zu erschweren. Trotz dieser kräftigen Ausdünnung ist die Ernte immer reichlich, da meine Weinpflanze ohnehin zu viele Früchte hervorbringt. Nachdem ich diese Auslese vorgenommen habe, kommt der Schnitt der Rute an die Reihe. Faust­regel: ab der übrig gebliebenen Traube zähle ich zwei Blätter und setze die Schere mittig zwischen dem zweiten und dem dritten Blatt an. Die Anzahl der Blätter zwischen Frucht und Schnittstelle richtet sich auch nach der Wuchsfreudigkeit der Pflanze. Da mein ‚Boskoops Glory‘ stark wächst, belasse ich eben nur zwei Blätter. Wie ich von anderen hörte, kommen sie gut damit zurecht, wenn sie drei oder sogar mehr Blätter beim Schnitt verschonen. Nachdem ich alle Ruten derart behandelt habe, sieht die Weinpflanze zwar arg gerupft aus, erholt sich aber zügig. Manchmal sogar zu zügig, wenn nämlich aus vielen Blattachseln wieder neue Triebe hervorkommen. Diese breche ich immer dann aus, wenn sie die reifenden Früchte zu sehr beschatten.    

Da ich diese Arbeiten bereits seit mehreren Jahren immer wieder ausführe, hat das Schneiden des Weins seinen Schrecken für mich verloren – auch, weil der Wein mit seiner Wuchsfreudigkeit meine Schnittfehler innerhalb kurzer Zeit verzeiht.    

Manfred Kotters