Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,    

nicht selten hieß es in der vergangene Zeit: „Ich habe einen Kolibri gesehen! Da hinten an der Blüte schwebte er.“ – Wirklich? Kolibris in unseren Breiten? Das kann es doch nicht geben! Welchem nahegelegenen Zoo mag wohl ein Kolibri – solch ein exotischer Vogel – entwischt sein?   

Des Rätsels Lösung ist meist einfach, etwas ernüchternd und zugleich doch faszinierend: beim vermeintlichen Kolibri handelt es sich nicht etwa um einen echten Vogel, sondern um eine große Falterart – dem Taubenschwänzchen (Macroglossum stellatarum).    

Sein sehr schneller, wendiger und brummender Flugstil ähnelt dem von Kolibris stark: Im Schwirrflug steht er vor den Blüten und saugt mit seinem langen Saugrüssel Nektar – wie Kolibris eben.   

Diese Schmetterlingsart (Schwärmer) ist mit 3,6–5 cm Flügelspannweite recht groß, zugleich zieren ihn am Hinterteil ein paar Haarbüschel, die eine gewisse Ähnlichkeit mit den Schwanzfedern von Tauben haben – daher auch der Name. Kein Wunder also, dass man bei einem ersten flüchtigen Blick einen kleinen Vogel vermutet. Flink saust der Falter von Blüte zu Blüte und kann dabei innerhalb weniger Minuten über hundert Blütenstände besuchen. Das Saugen im Flug schützt vor Auskühlung der Flugmuskulatur und macht es Fressfeinden (Spinnen) schwer, solch einen ‚Kolibri‘ aus der Luft zu fangen.   

Das Taubenschwänzchen ist auch sonst viel unterwegs, da es ein Wanderfalter ist, der ursprünglich aus dem Mittelmeerraum stammt und auch zur Überwinterung aus dem Norden (Skandinavien) bei uns zu Gast ist. Auch seine Eier legt der Schwärmer bei uns ab – meist im März an Labkräutern – so dass die Raupen sich gleich bedienen können und die nächste Faltergeneration ab Juni gesichert ist.  

Das Taubenschwänzchen zeigt uns wieder einmal, dass es sich lohnt, einen genaueren Blick in unseren Garten zu werfen, sich dort überraschen zu lassen und über die Vielfalt sowie Schönheit der Natur zu staunen.     

Ein naturnaher Garten, in dem genügend Raum für Futterpflanzen, Überwinterungsplätze und Brutmöglichkeiten für Schmetterlinge, andere Insekten und sonstige Tiere vorhanden ist, kann sicherlich auch ein paar nimmersatte Raupen verkraften. Mit etwas Geschick lässt sich das auch noch hübsch fürs Auge sowie entspannt für den Gärtner gestalten. Wie das gelingen kann, beschreibt Ihnen der Beitrag auf Seite 262 in dieser Ausgabe.   

Für den Erhalt der Artenvielfalt und das eigene grüne Herz lohnt sich jedenfalls ein Versuch, schließlich ist es ja so: ohne Raupen, keine Schmetterlinge – und wer freut sich nicht, wenn er einen Schmetterling erblickt?    

Ihr Karl Born,     
Vorsitzender des Hauptvorstands