Der Unfall mit den Knospenblühern

Bienen haben das Nachsehen

Es war wahrhaftig ein Unfall, die Sache mit den Knospenblühern. In der Natur ist es so vorgesehen: Normalerweise öffnen sich Knospen zu Blüten, werden bestäubt von verschiedenen Insekten, Hummeln, Bienen, Schmetterlingen und anderen oder vom Wind, welken danach, während Samen heranreifen und so die Art erhalten. Mitunter gefällt sich die Natur, wie wir wissen, in Kapriolen. In Abenteuerstimmung muss sie gewesen sein, als sie einige Knospen von Heidekraut dazu brachte, einfach nicht weiter aufzublühen, sondern ewig Knospe zu bleiben. So was nennt man Mutation und ist eine Veränderung im Erbgefüge eines Lebewesens, in diesem Fall von Pflanzen. Während sonstige Heidekrautpflanzen ab Juli, im August und September in Unmengen ganze Landstriche wie die Lüneburger Heide rot aufflammen lassen und unter anderem Bienen nach Herzenslust massenhaft Pollen und Nektar sammeln, wovon wir Menschen nebenbei gehörig profitieren, ist bei solchen Knospenblühern nichts zu holen. Samenansatz und Arterhaltung finden nicht statt. Ob sich da die Natur nicht mal gewaltig vertan hat? Es war ein Unfall!  

Ein aufmerksamer Gärtner entdeckte die Abweichler und erkannte das Potential. Wenn eine Blüte nicht auf-blüht, ver-blüht sie auch nicht, wenn außerdem diese geschlossenen Knospen beinahe so farbig sind wie offene Blüten, ist das sehr willkommen. Weitere Knospenblüher entstanden, die Außerseiter nach Kräften vermehrt. Heute überschwemmen Calluna-Knospenblüher das Angebot an Heidekrautpflanzen während der Pflanzzeit von Hochsommer bis Spätherbst von Garten-Centern, Supermärkten oder wo es sonst solche Pflanzen zu kaufen gibt. Die Knospenblüher halten eben monatelang Farbe, allerdings nicht ganz so gut wie Normalblüher, aber sehr beständig bis in den Winter. Das ist verführerisch. Manchem reicht die Farbwirkung nicht, dann wird nachgeholfen: rote und weiße Knospenblüher in Mischung oder gelbe und rosafarbene in einem Topf: „intensive Leuchtkraft für ein einzigartiges Farbenspiel“. Es gibt sogar schrill eingefärbte Knospenblüher.     

Aus dem Unfall wurde Unsitte – nix Pollen, nix Nektar für Bienen und auch keine Heidekraut-Kinderchen. Gartenbesitzer müssen darum  helfen, zu herbstblühenden Stauden normal blühende Calluna-Pflanzen setzen – Sorten, die schon ab Juli, im August und September blühen und bis Oktober durchhalten – auf Beete, im Bereich von Heidemotiven, in Töpfe, Tröge, Blumenkästen, auf Gräber und anderweitig im Öffentlichen Grün. Anzuchtquartiere von Calluna-Pflanzen sollten außerdem das sein, was sie früher einmal waren, kein totes, ödes Areal, sondern ein Schlaraffenland für Bienen. Knospenblüher für den späteren Herbst mag man danach akzeptieren, weil sich die Bienenvölker inzwischen in Winterruhe befinden.

Foto und Text: Ilse Jaehner