Hungerblümchen ist Wintersteher

Ein Trick zum Überleben        
Der Winter kommt. Da ist es angebracht, eine Pflanze vorzustellen, die zwar winzig ist, dennoch ganz beachtliche Eigenschaften hat. Gemeint ist das Hungerblümchen Draba aizoides. Diese Staude wird nur 5–10 cm hoch und wächst ursprünglich wild in alpinen Regionen auch Europas bis zur Schneegrenze. Sie stieg mit den Gletschern der Eiszeit bis in niedrigere Gebiete und ist heute daher als Eiszeitrelikt in der Schwäbischen und Fränkischen Alb anzutreffen, steht als Wildpflanze unter strengstem Schutz, da mittlerweile vom Aussterben bedroht.    
Das Hungerblümchen kennzeichnen etwas ledrige, immergrüne Blättchen, polsterförmiger Wuchs, kahle Stängelchen mit intensiv gelben Blütchen in traubigem Blütenstand. Hungerblümchen blüht früh, sobald die Witterung es zulässt, da die Winter immer kürzer und milder werden, schon ab Ende Februar, spätestens März, je nach Lage und Witterung. Solch einen Frühblüher aus gärtnerischer Anzucht pflanzt man möglichst gleich nach der Blüte, damit er sich bis Winteranfang gut etabliert.  
Der Winzling ist insofern bemerkenswert, als er denkbar bescheidene  Ansprüche hat, was bspw. den Boden betrifft – Stickstoff- und humusarm, doch kalkhaltig, dazu unbedingt wasserdurchlässig, steinig, felsig. Es genügen ein paar Krümelchen Erde.    Außerdem ist reichlich Sonne gefragt, obwohl die Pflanze auch in hellem Schatten gedeiht.   
Wenn Hungerblümchen so früh blüht, freuen sich Bienen, sofern es wärmer ist als 9 Grad. Vorher macht sich keine Biene auf den Weg und sorgt für Bestäubung der Blüten. Bestäubung bleibt also mitunter aus. Dann bestäuben Hungerblümchen sich selbst, indem sie sich bei Nacht oder Regen schließen. Zur Samenbildung und Verbreitung lassen sich die Pflanzen Zeit. Sie sind so genannte Wintersteher, die ihre Samen nicht schon im Sommer, spätestens Herbst verteilen, sondern ihn über Winter halten und erst im Frühjahr loslassen.    
Hungerblümchen sind ideal für ärmste Standorte: Steinbeete, Mauerspalten, Fugenritzen von Plattenwegen, Tröge. Das Substrat sei entsprechend locker, durchlässig, humus- und nährstoffarm. Die gelben Blütchen passen wunderbar zu hell- und dunkelblauen Vorfrühlingsschwertlilien. Man setze keine wüchsigen Polsterstauden und ähnliche neben Hungerblümchen. Gegen solche kann es sich nicht behaupten.   

Ilse Jaehner