Pflanzen werden nicht nur von Insekten bestäubt

Für Landwirte und Gärtner, die eine gute Ernte haben wollen, spielen zusätzlich zu den Boden- und Klimabedingungen die Bestäuber ihrer Feldfrüchte, des Obstes und Gemüses eine wichtige Rolle. Die Bestäuber müssen in ausreichender Anzahl, zum richtigen Zeitpunkt zur Verfügung stehen.  

Es sind in Deutschland die Insekten, besonders die unterschiedlichen Bienen und Nachtfalter, die hier ihren Hauptanteil leisten. Zusätzlich bestäuben der Wind, Kolibris, Fledermäuse oder in wärmeren Ländern kleine, boden­lebende Säugetiere wie Lemuren oder Honigbeutler die Pflanzen.   

Ein internationales Forscherteam der Universitäten Bonn und der Xi’an Jiaotong-Liverpool University Suzhou in China untersuchte, ­warum Pflanzen entweder von Insekten oder Kolibris bestäubt werden und was zu einem Wechsel der Bestäuber führen kann.   

Die so neu gewonnenen Erkenntnisse von Privatdozent Dr. Stefan Abrahamczyk vom Nees-Institut für Biodiversität der Pflanzen an der Universität Bonn, lassen sich auf die Evolution anderer Bestäubungssysteme, wie die Fledermaus- oder Nachtfalterbestäubung, hinsichtlich ihrer Häufigkeit und Effizienz übertragen.   

Die Resultate bieten einen tieferen Einblick in die Evolution von Pflanzen, ihren Bestäubern und deren Interaktionen. Sie zeigen, dass die Eigenschaften der Pflanze und des Bestäubers für das Verständnis dieser Evolution, bei der Beurteilung wie gefährdet Pflanzen und Tiere sind, berücksichtigt werden müssen.  

In der aktuellen Studie zeigen Dr. ­Abrahamczyk und seine Kolleginnen und Kollegen, dass die Gründe für den evolutionären Wechsel von Bestäubergruppen deutlich umfangreicher sind als bisher gedacht.  


Wie viele Bienenarten gibt es?  

Weltweit gibt es, laut #beebetter, einer Initiative zum Schutz der Bienen, rund 20.000 unterschiedliche Bienenarten und neun bekannte Honigbienenarten. Abgesehen von Honigbienen, sind alle anderen Bienen in der Welt, Wildbienen. In Deutschland sind demnach über 550 Wildbienenarten heimisch.   

Weltweit sind Bienen die häufigsten Bestäuber, weil sie meist in der nahen Umgebung ihres Bienenstocks tätig sind. Andere Bestäuber, Kolibris zum Beispiel, bedienen andere Pflanzen, die häufig weiter weg wachsen.   


Die Arbeitsweise von Bienen   

Bienen fördern hauptsächlich eine Selbstbestäubung, weil sie meist alle offenen Blüten an einer Pflanze besuchen, bevor sie zur nächs­ten fliegen, und dabei die Blütenpollen der jeweiligen Pflanze an sich selbst weitergeben.   

Gegenüber Kolibris haben die Bienen den Nachteil, dass sie sich intensiv während des Fluges putzen und die ausgekämmten Pollen in ihren Pollenhöschen an ihre Larven verfüttern. Dadurch gelangt tatsächlich nur ein geringer Teil der Pollen auf die Narbe der Pflanzen, um sie zu befruchten.   

 

Kolibris bestäuben Pflanzen, die sich nicht selbst befruchten können  

Kolibris hingegen sind an Pollen nicht interessiert. Anhand von Bestäubungsexperimenten stellte sich heraus, dass alle kolibribestäubten Arten einen deutlich höheren Samenansatz hatten und dieser über eine bessere Keimungsrate verfügte, wenn sie aus einer Bestäubung mit Pollen eines anderen Pflanzenindividuums derselben Art hervorgegangen sind. Von den Wissenschaftlern wird aus diesen Ergebnissen geschlossen, dass sich die Kolibribestäubung dort verstärkt entwickelte, wo Pflanzen auf eine Fremdbestäubung angewiesen und andere Insekten nicht vor Ort sind.  


Wie Gärtner ihre Zimmerpflanzen bestäuben können  

Viele Gartenliebhaber, die zeitweise keinen Garten haben, weichen auf die Anpflanzung im Zimmer oder Wintergarten aus. Vielfach bedauern sie, dass die Tomaten, Paprika und Chilis zwar Blüten aber keine Früchte ansetzen.   

Der Grund: Ihnen fehlen die bestäubenden Insekten. Weil die Blüten der Paprikapflanze zum Beispiel zwittrig sind, also weibliche und männliche Geschlechtsorgane in einer Blüte vorhanden sind, können wir Gärtner ganz einfach Biene oder Hummel spielen: Dazu genügt es, leicht, bei sonnigem Wetter, an der Pflanze oder am Pflanzstab zu schütteln. Manchmal sollte man mit einem breiten Kosmetikpinsel nachhelfen.  


Warum haben einige Pflanzenarten den Bestäuber gewechselt?   

Das internationale Forscherteam der Universitäten Bonn hat die Mechanismen entdeckt, die dazu führen, dass Pflanzen plötzlich nicht mehr von Insekten, sondern zum Beispiel von Kolibris bestäubt werden.   

Es ist vermutlich so, dass Pflanzen an Orten, an denen weniger Insekten vorkommen, diese von Kleintieren bestäubt werden.   

Bisher gingen Biologen, so Privatdozent Dr. Stefan Abrahamczyk vom Nees-Institut für Biodiversität der Pflanzen an der Universität Bonn, davon aus, dass Pflanzen dann ihre Bestäubergruppe von Bienen zu Kolibris wechseln, wenn zum Beispiel im Hochgebirge nur wenige Bienen da sind. Oder, wenn beispielsweise in Nebelwäldern ein häufig zu feuchtes, kaltes Klima herrscht.  

Zu denken gibt es den Wissenschaftlern, dass es in Gebieten mit einer großen Bienenvielfalt Pflanzen gibt, die trotzdem zu Bestäubern wie Kolibris, Fledermäusen oder sogar kleinen, bodenlebenden Säugetieren wie Mäuseartige, Lemuren oder Honigbeutler wechselten.   

Eine Möglichkeit ist: Die Bestäubung durch Vögel und andere Kleintiere kann von Vorteil sein, denn generell sind Blütenpflanzen, wie Obst und Gemüse, auf die Bestäubung durch solche Tiere, die in der Nähe sind, angewiesen.   

Es haben sich bei der Befruchtung unterschiedliche Strategien entwickelt. Es spielt für die Pflanzen eine Rolle, wie häufig die Bestäuber die Blüten besuchen und wie wirksam sie bei ihrer Befruchtung sind, denn die unterschiedlichen Tiergruppen sind nicht gleich.    

Vereinfacht gesagt: Eine Bestäubung ist nur dann gewährleistet, wenn sich die Bedürfnisse der Pflanzen und die Gewohnheiten der Tiere nahekommen.   

Wenn das nicht mehr gewährleistet ist, kann, so die neuen Erkenntnisse, ein Wechsel der Bestäubungsart bevorstehen. Zwar gibt es hierzulande keine Kolibris, aber ein Bestäuberwechsel ist dennoch denkbar – dazu muss es jedoch überhaupt noch genügend andere Arten geben, die den Job übernehmen ­können.                                         

Monika Hermeling