Die Robinie schlägt zurück

Unsere Kulturpflanzen benehmen sich zuweilen schon recht mimosenhaft. Bekommen sie von uns zu wenig Wasser, fallen sie direkt in sich zusammen; bekommen sie zu viel Wasser, faulen sie; ein leichter Frost – und schon sind sie hin. Manchmal glaube ich fast, dass sie schon krank werden, wenn ich sie lediglich kritisch angesehen habe. Die Wildpflanzen dagegen kümmert das alles recht wenig; ganz im Gegenteil: je weniger man sie beachtet, desto besser gedeihen sie. Ganz Hartgesottene unter ihnen können sogar mit Stumpf und Stiel entfernt werden – trotzdem schlägt unweigerlich ein millimetergroßes Wurzelteilchen aus, das man trotz geputzter Brille übersehen hat. Jeder weiß, wen ich da meine: die Gesellen Giersch, Ackerschachtelhalm oder Zaunwinde.    

So eine Wurzel ist wirklich etwas Besonderes. Als erstes denkt man, dass sie die Pflanze nur im Boden verankert, damit sie fest steht …und Wasser zum Überleben sucht und saugt …und Nährstoffe zum Wachsen sucht und aufnimmt. Doch die genannten lästigen Gartenbegleiter zeigen, dass aus einem Wurzelstück zudem rasch wieder komplette Pflanzen wachsen können. Dieses Verhalten habe ich auch bei Gehölzen feststellen können. Wer hat nicht schon erlebt, dass urplötzlich unter einem Apfel- oder Pflaumenbaum „Zweige“ aus dem Boden kommen. Zumeist sind wir selbst der Grund dafür: bei der Bodenbearbeitung hat man versehentlich die Wurzeln verletzt und der Baum reagiert in der Art, dass er an der Stelle austreibt. Da in den Gärten zumeist veredelte Obstbäume stehen, sind es leider fast immer recht wertlose Neupflanzen (Wildtriebe), die hier entstehen, da sie aus der Unterlage und nicht aus der edlen aufgepfropften Sorte gewachsen sind. Was macht man nun: am besten die Stelle bis zur Wurzel freilegen und, wenn der Trieb noch jung ist, abreißen. Auf diese Weise entfernt man so genannte schlafende Augen, die erneut austreiben, wenn man die Triebe lediglich einkürzt bzw. bodennah abschneidet.   

Es gibt aber auch Sträucher und Bäume, die für ihr Leben gerne neue Pflanzen aus ihren Wurzeln wachsen lassen. Mein Sanddorn zum Beispiel. Er steht zwar etliche Meter vom Nutzgarten entfernt, trotzdem finde ich immer wieder kleine Sanddörnchen, die sich zwischen den Johannis- und Stachelbeersträuchern angesiedelt haben. Ich habe gehört, dass bis zu 12 m von der Hauptpflanze entfernt Nebenpflanzen entstehen können. Da mir genügend Platz zur Verfügung steht, darf er das auch. Aber bei kleinen Gärten oder bei Sanddorn als Randbepflanzung kann schon mal der Nachbar an der Haustür schellen…  

Auch meine Robinien zeigen mir da und dort ihre Kinderchen, die mit ein bis zwei cm langen Dornen bewehrt sind und sich in den Gemüsebeeten wiederfinden. Vom Grunde her ist die Robinie schon ein toller Baum. Im Frühjahr locken unzählige weiße Blüten in hängenden Trauben nicht nur die Bienen meiner Frau, sondern auch Schwärme von anderen Insekten an.  Zudem bilden die unpaarig gefiederten Blätter einen angenehm lichten Schatten und das witterungsbeständige Holz wird für Terrassenmöbel gebraucht, wobei der Baum nicht sehr wählerisch mit seinem Standort ist. Das ist gut und schlecht; denn er wächst wirklich überall im Garten – von uns gewollt oder ungewollt.   

Eine meiner Robinen hatte im Laufe der Zeit eine Höhe von rund acht Metern erreicht. Dann stellten wir fest, dass sich im Stamm eine Faulstelle gebildet hatte – der Baum musste gefällt werden, bevor er beim nächsten Sturm auf das Dach meines Nachbarn fallen würde. Gesagt – getan. Damit der fast bodengleich abgesägte Stumpf nicht wieder ausschlagen würde, habe ich Löcher in die Sägefläche gebohrt und anschließend mit Erde und Grassoden abgedeckt, um Fäulnis zu provozieren und das endgültige Absterben zu unterstützen. Dort hat der Baum sich tatsächlich nicht mehr gemeldet. Ja – dort… Ein befreundeter Gärtnermeister hatte mich schon vorgewarnt, dass der Baum nicht so schnell klein beigeben und meine Tat mittels Wurzelsprosse rächen würde. Damals, vor rund anderthalb Jahren, machte ich mir dazu nicht die großen Gedanken, da mein Nachbar angrenzend seinen Rasen hat, der ständig gemäht wird – da hatten die wilden Triebe eh keine Chance. Auf meiner Seite ist der Grundstücksteil recht naturbelassen, aber übersichtlich. In den ersten Monaten schaute ich regelmäßig, ob der Baum bereits seine Gegenwehr begonnen hätte. Kleine Robinchen habe ich bei der Gelegenheit direkt ausgezogen. Dann tat sich eine Zeitlang nichts mehr und ich war mit Gießen, Ernten und Verarbeiten von Obst und Gemüse beschäftigt. Es folgten Herbst, Winter, Frühling und Sommer – an die Robinie dachte ich nicht mehr. Das hatte die Rest-Robinie natürlich bemerkt und begonnen, dementsprechend loszulegen. Als ich die Bescherung sah, wollte ich es zuerst gar nicht glauben: es hatte sich ein regelrechter Robinien-Dschungel gebildet. Da war an Ausreißen nicht mehr zu denken. Sogar die Astschere kapitulierte – die Astsäge musste ran. Jedes Mal, wenn ich meinte, alles erwischt zu haben, lugte zwischen den Büschen wieder so was dornenbewehrt Fiederblättriges hervor. Zum Schluss sah der Bereich ziemlich leer aus, da die Klein-Robinien den anderen Pflanzen wenig Restfläche gelassen hatten. Jetzt war die Plage zwar erst mal beseitigt, aber die Mini-Baumstümpfe werden gewiss unter sich einen Wettbewerb ausfechten, wer am üppigsten ausschlagen und mich beschäftigen kann. Wenn ich jetzt nicht am Ball bleibe, habe ich verloren.  

Ja – ich weiß, dass ich selbst schuld bin. Hätte ich die Warnung ernster genommen, wäre nichts Arbeitsintensives passiert. Es ist eben so: wer nicht hören kann, muss sägen…  

Manfred Kotters