Das Soja-Experiment

Sollte ich das wirklich machen? 5 qm von meinem Garten opfern? Ich war hin und her gerissen. Vieles sprach allerdings dafür: es war ja schließlich nur für ein Jahr und ich würde bei einem Projekt mitmachen, das der Klimakatastrophe aktiv entgegenarbeiten würde. Da war der Anreiz schon enorm.   

Worum ging’s? Das Projekt hieß „1000 Gärten – Das blühende Sojaexperiment“ und war von der Universität Hohenheim in Zusammenarbeit mit der Taifun-Tofu GmbH bereits 2016 ins Leben gerufen worden. Aufmerksam war ich durch eine Anzeige in der Dezember-Ausgabe 2021 hier im „Eisenbahner Landwirt“ geworden und war sogleich begeistert. In dieser Anzeige stand, dass das Ziel dieser Aktion wäre, Sojasorten zu finden, die sowohl mit den hiesigen Klimaverhältnissen zurechtkommen als auch sich zur Tofuverarbeitung eignen sollten. Bisher sind die USA und Südamerika die Hauptanbaugebiete, wobei in Südamerika laufend Regenwald gerodet wird, um die Anbaufläche zu vergrößern – mit den bekannten Folgen für die Bevölkerung und das Weltklima. Durch die bei diesem Experiment ermittelten Sorten könnte Soja vermehrt in Europa angebaut werden. Aufgerufen waren Landwirte, Gärtner und auch Hobbygärtner in ganz Deutschland, um ein Stück Land zur Verfügung zu stellen und dort versuchsweise verschiedene Sorten Soja anzubauen. Da während der Kulturdauer diverse Daten an ein Auswertungsteam übermittelt werden sollten, konnte auf diese Weise festgestellt werden, welche Sorten in welchen Teilen Deutschlands am besten zurechtkämen. Also quasi ein deutschlandgroßes Versuchsfeld. Nach ein paar Tagen Überlegungszeit habe ich mich im Dezember 2021 angemeldet – wie ich später gesehen habe, war ich einer von über 1200 Teilnehmern.   

Anfang April kam das Paket an. Neben den zehn Sorten Sojasamen fand ich alles, was ich für dieses Experiment benötigte. In dem beigefügten Handbuch stand ausführlich, was im Laufe der Kulturzeit alles zu beachten und zu melden sei; insgesamt waren 15 verschiedene Meldungen zu machen – für jede einzelne der zehn Sorten. Meine erste: 12. April, „Datum der Aussaat“. Das war für Soja wohl ein wenig früh, aber das Wetter spielte mit. Vor der Aussaat musste ich die Samen in den einzelnen Saattüten mit speziellen Knöllchenbakterien impfen, um den Start ins Sojaleben zu optimieren; jede Leguminose (Erbse, Bohne, Soja etc.) lebt nämlich in Symbiose mit genau einer Bakterienart. Dazu schüttete ich die Bakterien in eine Tasse, gab feinen Sand dazu, um die recht kleine Menge zu vermehren und verteilte die Masse anschließend in die zehn Samentüten. Zum Glück hatte ich mit der Aussaat schon am Vormittag begonnen, denn „eben säen“ – das klappte nicht. Zehn Reihen à ein Meter mit jeweils 50 Sojakörnern, die mit 2 cm Abstand in der Reihe gesät werden sollten; das hieß: Korn für Korn ablegen. Erleichtert wurde mir die Arbeit durch die Maße meiner Beete: 1,20 m × 4 m. Sechs der zehn Reihen bekamen außerdem jeweils links und rechts mit 10 cm Abstand so genannte Blühpflanzen (Rote Taubnessel bzw. Leindotter) als Begleitung. Hierdurch sollte festgestellt werden, ob diese zusätzlichen Gewächse das Wachstum der Sojapflanzen beeinflussen würden und ob später beim professionellen Anbau auch die Insektenwelt durch die mit eingesäten Blühpflanzen profitieren könnte. Insgesamt musste ich also 22 Reihen säen, wobei ich bestimmte Abstände einhalten und jede Reihe mit beschrifteten Plastiketiketten kennzeichnen musste. Gegen 16 Uhr saß ich endlich am PC, loggte mich bei „1000 Gärten“ (www.1000gaerten.de) ein und gab für jede Sorte Soja und Blühpflanzen den Aussaattermin und die Länge der jeweiligen Reihe ein.   

Die nächsten Eingaben („Datum Keimung“ und „Pflanzen je Reihe“) erforderten schon mehr Beobachtung, da es ja zehn verschiedene Sorten waren, die unterschiedlich schnell keimten (zwischen dem 23. und 28.4.) und auch nicht gleichmäßig auskamen (zwischen 44 und 49 Stück/Reihe). Soja kannte ich bisher lediglich als Namen aber nicht als Pflanze. Jetzt war es schon interessant, so etwas Neuartiges von der Keimung bis zur Ernte wachsen sehen zu können. Dann kam der erste Rückschlag. Eigentlich ist mein Garten komplett kaninchensicher. Doch ausgerechnet in diesem Jahr hatte es ein kleines Jungkaninchen geschafft, sich unter dem Gartentor durchzuquetschen und einige meiner Sojapflanzen abzufressen; diese schlugen später wohl seitlich wieder aus, brachten aber keine Ernte mehr. Jetzt musste ich die Beete zusätzlich mit Draht einzäunen, um weiteren Schaden zu vermeiden. Im Gegensatz zu der Roten Taubnessel explodierte die Blühpflanze Leindotter förmlich und überragte schnell die Sojapflanzen, die deswegen im Wuchs stark zurückblieben. Ein Gewitterschauer legte den Leindotter flach, so dass er meine Soja erdrückte. Ich habe ihn ausgezogen und als Mulch zwischen die Reihen gelegt. Das 1000-Gärten-Team teilte mir auf Anfrage mit: „Das ist auch ein Ergebnis. Wir wissen jetzt, dass die Aussaat von Leindotter mehr Abstand zur Soja haben muss.“ Für eine weitere Meldung („Blütenbesucher“ bei den Blühpflanzen) habe ich mich mehrere Tage immer mal wieder neben das Beet gesetzt und beobachtet, welche Insekten die Blüten denn anfliegen würden. Diverse Schwebfliegen, Wildbienen und Hummeln habe ich entdecken und in die Meldeliste eintragen können. Als ich die Aufgaben „Blühbeginn“ und „Blütenfarbe“ in Angriff nahm, merkte ich rasch, dass das nicht einfach werden würde. Zusammen mit meiner Frau sind wir zu allen Tageszeiten zu dem Beet gegangen, um offene Blüten zu finden. Zum einen sind Sojablüten wirklich sehr klein und unscheinbar und zum anderen blühen sie anscheinend nur einige Minuten – so kam es uns wenigstens vor; denn wir konnten entweder nur Blütenknospen oder Verblühtes entdecken. Obwohl wir mit unseren Nasen die Blätter streiften, haben wir nur hin und wieder etwas Blütenähnliches gefunden – und wir haben uns echt bemüht! Solche Erfahrungen konnte man in der Meldeliste unter „Bemerkungen“ eintragen; sie werden bei der späteren Auswertung entsprechend berücksichtigt. Nach diversen weiteren Meldungen kamen Ende August/Anfang September die Aufgaben: „Datum Reife“, „Anzahl Etagen mit Hülsen“, „Anzahl Hülsen pro ­Pflanze“ und „Datum Ernte“. Für „Anzahl“ reichte der Durchschnittswert von drei typischen Pflanzen einer Reihe. Sehr hilfreich waren die Stecketiketten an den einzelnen Reihen, da ja alles pro Sorte ermittelt werden musste. Am 2. September waren die Soja-Beete leergeräumt. Zeitgleich kam vom 1000-Gärten-Team das Paket mit den Tüten und den entsprechenden Aufklebern, um die Ernten der zehn Sojasorten getrennt voneinander eintüten zu können. Jetzt mussten diese nur noch in dem beigefügten Großumschlag mit dem dazugehörenden Rücksende­etikett abgeschickt werden – und die Aktion war für mich beendet. Die Schlussfolgerungen aus den gemeldeten Daten und die jetzt folgenden Untersuchungen der eingeschickten Körner war nun Sache des 1000-Gärten-Teams.    

Da ich mit Buchhaltergenen gesegnet bin und mir als Rentner auch eine gewisse Zeit zur Verfügung stand, gestaltete sich das Projekt für mich nicht belastend, sondern äußerst interessant. Wann hat man schon mal Gelegenheit, Teil solch einer Aktion zu sein und live mitzuerleben, wie Züchtung und Auslese funktionieren?        

Fotos und Text: Manfred Kotters