Mein Leben an der Seite einer Imkerin

Wenn es an unserer Haustür schellt und ich öffne, höre ich immer wieder den Spruch: „Ah, der Imker persönlich!“ Dann muss ich erklären, dass in unserem Haus eine Frauenquote von 100 % herrscht – zumindest, was die Beschäftigung mit den Bienen betrifft; das heißt: meine Frau Kirsten ist die Imkerin. Ich wohne zwar hier, habe aber nur indirekt etwas mit diesen nützlichen Insekten zu tun: als Hobbygärtner versuche ich zum einen möglichst viele Blüten den Bienen anzubieten und zum anderen meiner Frau Kirsten beim Imkern nicht im Weg zu stehen. Da dieses Hobby oftmals ordentlich Muskelkraft erfordert, ich aber „Rücken“ habe, bleibe ich bei den meisten Tätigkeiten außen vor. Obwohl ich somit nicht aktiv dabei sein kann, hat mich dieses Hobby, das bei uns seit 2007 betrieben wird, ganz schön verändert. Plötzlich sieht man alle Pflanzen mit gänzlich anderen Augen. Sind die Blüten offen oder gefüllt? Wieviel Nektar oder Pollen bieten sie den fliegenden Sammlerinnen? Wann werden die Blüten erscheinen? Wenn nämlich im Frühjahr die große Masse der Obstbäume blüht, sind die zu der Zeit blühenden Pflanzen für die Bienen eher nebensächlich. Wenn sie bei günstiger Witterung allerdings schon Februar/März auf Nahrungssuche gehen, finden sie es super, wenn ihnen Winterlinge, Schneeglöckchen und Krokusse nicht nur als Einzelpflanzen, sondern flächendeckend angeboten werden. Keine Frage, dass ich deswegen im Herbst ständig diese Zwiebeln nachpflanze. Dass die unzähligen, kleinen Blütchen unserer Kornelkirschen im Februar den Insekten einen reich gedeckten Tisch bieten, war mir rasch klar. Aber dass auch die Kätzchen vom Hasel oder der Weide wertvoll für die Immen sind, das war mir anfangs völlig unbekannt. Bei Bienen dachte ich immer automatisch an Honig; dass sie aus den Blüten jedoch keinen Honig, sondern Nektar holen, das weiß ich mittlerweile. Aber dass Blütenstaub (=Pollen) für sie nicht nur ein Nahrungsergänzungsmittel, sondern insbesondere für ihre Brut wichtig ist, das war mir völlig neu. Wenn rund um den August wenig Nahrung für die Bienen in der Natur bereitsteht, blühen unsere zwei Bienenbäume (Stinkesche; Euodia Hupehense), die ich vor Jahren (nach einem dezenten Hinweis meiner Frau) gepflanzt habe; die sind immer wieder ein Magnet für die gesamte Insektenwelt. Glücklicherweise steht bei uns ein Buch („Bienenweide“ von Günter Pritsch) im Regal, in dem wir rasch nachsehen können, was eine ins Auge gefasste Pflanze den Bienen an Nektar und Pollen zu bieten hat, um bei einer Gartenumgestaltung diesen Aspekt zu berücksichtigen.   

Doch nicht nur die Sicht auf die Pflanzenwelt hat sich für mich verändert. Auch Insekten allgemein haben bei mir einen anderen Status bekommen, da ich durch Gespräche mit meiner Frau oder auch anderen Imkern viel Unbekanntes erfahren habe: Blüten werden nicht nur durch Honigbienen bestäubt, sondern auch durch den Wind, Hummeln, Wespen, Käfer oder nicht zu vergessen: durch Wildbienen. Deshalb hingen schon kurze Zeit nach Imkereibeginn einige Wildbienenhotels an den Wänden, da unser Nachbar seinen Bambus gerodet hatte und diese Röhrchen ideal für die Wildbienen sind. Übrigens: Wildbienen stechen nicht, bilden kein Volk und legen deshalb auch keinen Honigvorrat an. Auch Wespennester lehren mich nicht mehr das Fürchten – man muss sie nur vernünftig behandeln oder gänzlich in Ruhe lassen; sie greifen uns schließlich nie ohne Grund an.   

Wenn sich Biene und Co. auswegsuchend an einer unserer Fensterscheiben verausgaben, werden sie mittels eines Glases und einer Postkarte eingefangen und schnellstmöglich wieder in die Freiheit entlassen. Schwimmen Bienen verzweifelt in unserem Teich oder zappeln hilflos im Spinnennetz, rette ich sie; ob ihnen das allerdings viel bringt, weiß ich ehrlich gesagt auch nicht. Zusammenfassend kann ich sagen: durch das Hobby meiner Frau habe ich mehr Respekt und Verständnis für die gesamte Insektenwelt bekommen.  

Gar nicht mehr aus dem Staunen heraus komme ich allerdings, wenn ich an das Leben und Verhalten der Bienen denke. Wie sie im Sommer bei 40 °C oder im Winter bei -10 °C ihren Bienenstock stets auf die richtige Temperatur halten können, wie sie die unterschiedlichsten Aufgaben im Stock verteilen oder auch, wie ungewöhnlich sich ein Bienenvolk vermehrt. Das sind nämlich die Schwärme, die Mai/Juni ausfliegen und uns regelmäßig unsere Terminplanung durcheinanderbringen. Früher wusste ich lediglich, dass es Bienenschwärme gibt – gesehen hatte ich damals noch keinen. Das hat sich grundlegend geändert; wir hatten schon einmal drei Schwärme an einem einzigen Tag – was letztendlich bedeutete, dass wir eben nicht zu dem Geburtstag gegangen sind. Man muss Prioritäten setzen! Wenn ich in meinem Garten beschäftigt bin, merke ich mittlerweile sofort, wenn ein Schwarm aus einem Kasten quillt: die Luft ist dann voller Bienen mit dem dann typischen Gesumm; in so einem Fall muss ich meiner Frau nur zurufen: „Es ist wieder soweit!“ „Schwarm?“ „Klar!“ Nun müssen wir noch abwarten, bis sich die Bienenmasse irgendwo (zumeist in der Nähe ihres ehemaligen Zuhauses) als Traube niederlässt. Schutzkleidung, Schwarmfangkorb und Leiter stehen immer bereit und ruckzuck ist der Schwarm eingefangen und bekommt nach einer kurzen Ruhefrist einen eigenen Kasten und wird zu einem neuen Volk. Obwohl die Luft beim Einfangen eines Schwarms bienengeschwängert ist, kann nicht viel passieren (habe ich mit der Zeit gelernt), da die Tierchen in dieser Phase zumeist nicht aggressiv sind. So funktioniert also die Vermehrung eines Bienenvolkes!  

Anders sieht es aus, wenn ein Volk gestört wird. Sei es durch die Honigernte, einer Behandlung gegen die weit verbreitete und gefährliche Varroamilbe oder auch, weil ein paar Tiere einfach mal einen schlechten Tag haben. Dann kann das schon mal lästig sein, auch wenn ich zum Beispiel rund 20 m von den Völkern entfernt im Garten bin und an nichts Böses denke. Da kommt es hin und wieder vor, dass eine oder mehrere Bienen mich grundlos attackieren und Flucht ins Haus die vernünftigste Lösung ist. Mir scheint dann immer, dass diese Zickigen nach ihrem Angriff eine Zeitlang über ihr Verhalten nachdenken müssen, um sich schließlich zu beruhigen, so dass ich nach einiger Zeit das Haus wieder verlassen kann. Interessant ist, dass ich mittlerweile schon am Summen feststelle, wie eine mich umschwirrende Biene drauf ist. Je höher der Ton, desto schlechter ihre Laune. Zum Glück kommt das nicht so häufig vor und Stiche bekam ich in den vielen Jahren gerade mal sieben Stück.  

Meine hauptsächlichste Hilfstätigkeit ist das Filmen und Fotografieren, wenn Kirsten an den Bienen arbeitet, einen großen Schwarm einfängt oder in jedem Jahr Kindergartenkindern dieses Hobby näherbringt.   

Die Bilder verwendet sie dann für ihre Vorträge oder, wenn Honigkunden beim Einkauf mehr erfahren wollen. Wenn ich fotografiere bin ich immer sehr froh, dass es die Funktion „Tele“ gibt und ich alles aus sicherer Entfernung im Bild festhalten kann.  

Die schönste Arbeit ist allerdings für mich das Wachsschmelzen. Es ist einfach total erstaunlich, wenn aus einem dunklen Klumpen Wachs, toten Bienen, Kittharz, Honigresten, Pollen und sonstigem Schmutz mithilfe von Wasser und Hitze am Schluss goldgelbes und sauberes Wachs das Ergebnis ist. Alles Grobe bleibt in dem dünnen Gewebe eines Damenstrumpfes hängen und alles Lösliche im Wasser. Bienenwachs ist einfach ein phantastisches Material, das von den kleinen Insekten produziert wird. Was haben diese Tiere doch für außergewöhnliche Fähigkeiten!  

Jetzt habe ich von so vielen Aspekten der Imkerei erzählt, doch das Wichtigste kaum erwähnt: den Honig! Klar, dass er bei uns ganz normal zum Alltag gehört. Außer als Brotbelag wird er auch bei vielen Gelegenheiten zum Süßen gebraucht. Dafür nehmen wir oftmals Honig, der nicht vermarktet werden kann, weil er eventuell einen zu hohen Wassergehalt hat oder leichte Verschmutzungen aufweist. Salate, Backwaren oder Desserts – Honig ist bei uns allgegenwärtig. Was ich auch anfangs nicht wusste: Honig ist nicht gleich Honig. Meine Frau erntet ihn zweimal im Jahr. Zuerst die „Frühtracht“ nach der Obstblüte und später die „Sommertracht“ nach der Blüte der Lindenbäume. Dadurch ergeben sich sehr unterschiedliche Geschmacksrichtungen.   

Man sieht: sogar der Honiggeschmack ist nie langweilig. Genau wie das Hobby „Imkern“ – oder eben auch mein Leben im Wirkungskreis „meiner“ Imkerin.                                                                  Manfred Kotters  

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