Pflanzen sterben zusätzlich in unserer Erinnerung aus

­­Viele Menschen, die wenig mit Pflanzen und der Natur zu tun haben, machen sich keine Gedanken darüber, dass in unserem Zeitalter außergewöhnlich viele Arten von Pflanzen und Tieren aussterben. Naturfreunde bedauern diese Tatsache und ihre Folgen für die Umwelt, denn zu bedenken ist, dass wenn ganze Gruppen von Lebewesen verschwinden, sie ebenfalls aus dem kollektiven Gedächtnis der Menschen ausgestrichen werden.   

Dieses Phänomen heißt „gesellschaftliches Aussterben“ und wurde schon bei Arten, die selten vorkommen oder auf eine andere Art isoliert sind, festgestellt. Erfahrungen von Menschen mit ihrer Art sind dann so reduziert, dass sie, bei der herrschenden Informationsflut, meist kollektiv einfach vergessen werden.   

In der Folge ist das Angebot von Obst und Gemüse im Supermarkt gleichförmig, ebenfalls die Sorten von Saatgut. Forschende haben den Prozess untersucht und ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift Trends in Ecology & Evolution veröffentlicht.   

 

Wie und warum Pflanzen aus dem Bewusstsein von Menschen verschwinden   

„Die meisten Arten sterben aus”, so Tina Heger, Mitautorin der Studie und Wissenschaftlerin am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), „ohne, dass die Gesellschaft jemals von ihnen Notiz genommen hätte“. Ihr Kollege Jonathan Jeschke, der an der Studie mitwirkte, ergänzt, dass das für viele Wasserpflanzen zutrifft.   

Auch wirbellose Tiere, Pflanzen, Pilze und Mikroorganismen werden in der Regel, weil sie oftmals klein und unscheinbar sind und unzugänglich leben, nie offiziell beschrieben. So unbeachtet wie sie lebten, sterben sie dann meist ebenfalls.   

Wie die Wissenschaftler herausfanden, kommt es bei der Art des Aussterbens auf die Ausstrahlung ihrer Art, ihre wirtschaftliche, kulturelle oder symbolische Bedeutung für die Gesellschaft an und, ob und wie lange sie bereits ausgestorben sind, oder wie weit entfernt und isoliert ihr Verbreitungsgebiet von menschlichen Siedlungen und Aktivitäten liegt.   

 

Auch lebende Arten können in Vergessenheit geraten   

Wie die Studie zeigt, können vom gesellschaftlichen Aussterben ebenfalls lebende Arten betroffen sein. Das ist dann der Fall, wenn sich das Verhältnis der Menschen zum Beispiel durch die Verstädterung und Modernisierung der Gesellschaft radikal verändert. Wenn diese einfach nicht mehr wissen, welche Sorten von Obst und Gemüse in früheren Generationen regional erfolgreich angebaut wurden. Ein Beispiel wie sich ein kollektiver Gedächtnisverlust zeigen kann, sind Heilpflanzen.    

Als die traditionelle Kräutermedizin in Europa durch die moderne Medizin ersetzt wurde, führte das, so wird vermutet, zu einem Rückgang des allgemeinen Wissens in der Bevölkerung über viele Heilpflanzen. Das ist laut Studien, die im Südwesten Chinas und bei indigenen Völkern in Bolivien durchgeführt wurden, ähnlich.   

Dort ging das lokale Wissen über ausgestorbene Vogelarten verloren. Die Befragten waren nicht mehr in der Lage, diese Arten zu benennen oder sich gar an ihr Aussehen und ihren Klang zu erinnern. Eines ist gewiss, selbst wenn Arten nach ihrem Aussterben kollektiv bekannt und auffällig bleiben oder sogar populärer werden, verändert sich doch allmählich unser Bewusstsein. Die Erinnerung an diese Arten wird ungenau – darauf weisen die Forschenden ausdrücklich hin.   

 

Was man nicht kennt schützt man nicht   

Wer einen Garten hat, liebt meist seine Pflanzen und kennt ihre Bedürfnisse. Meist, weil er ihre Früchte oder ihr Aussehen schätzt. Eher selten sind solche Naturfreunde anzutreffen, die darüber hinaus mit ihrem fürsorglichen Verhalten zum allgemeinen Artenschutz von Tier und Pflanzen beitragen. Sie sorgen im Alltag für eine ansteigende Bodenqualität, Rückzugsmöglichkeiten für Tiere und Pflanzen und damit für eine für ihren Garten förderliche Umwelt.    

Alles ok, nur was ist, wenn der Erhalt der biologischen Vielfalt dadurch erheblich erschwert wird, dass unsere Wahrnehmung die Umwelt beeinträchtigt. Wenn sich etwa die Vorstellung dessen, was wir für normal, natürlich oder gesund halten, verschiebt. „Es könnte zum Beispiel die öffentliche Unterstützung für Wiederansiedlungsbemühungen verringern, vor allem, wenn diese Arten nicht mehr als natürliche Bestandteile des Ökosystems in unserer Erinnerung präsent sind“, erklärt Ivan Jarić, Hauptautor der Studie und Forscher am Biologiezentrum der Tschechischen Akademie der Wissenschaften.    

 

Was kann getan werden?   

Um dem gesellschaftlichen Aussterben von Arten entgegenzuwirken sind, so die Forschenden, gezielte, langfristige Kommunikationskampagnen, Umweltbildung und Naturkundemuseen unverzichtbar. Nur so ließe sich die Erinnerung an gesellschaftlich ausgestorbene Arten wiederbeleben, verbessern und erhalten.   

In weiteren Untersuchungen möchten die Forschenden herausfinden, inwieweit das Phänomen auch zu einer falschen Wahrnehmung des Ausmaßes der Bedrohung der biologischen Vielfalt und der tatsächlichen Aussterberarten führt. In der Praxis hat es sich bewährt, Obst- und Gemüsesorten, die unseren Großeltern, regional noch gut bekannt waren, wieder in die Erinnerung zu bringen.   

Vielfach beklagen Direktvermarkter, dass es diese sind, die von den Verbrauchern, weil ihr Name, Aussehen und Geschmack oft nicht mehr geläufig sind, nicht mehr gekauft werden. Gemüsesorten wie Kohl zum Beispiel, waren früher ein Essen der armen Leute und wurden deshalb in späteren Jahren, trotz hohen gesundheitlichen Wertes, abgelehnt. In Erinnerung an gemütliche Familienessen mit Sauerkraut oder Grünkohl fragen sich viele Leute: Warum diese Feiern nicht wieder beleben? Eine aktuelle EU-Reform erlaubt den Anbau und Verkauf alter Sorten wieder.   

 

Das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)   

Das IGB ist das bundesweit größte und eines der international führenden Forschungszentren für Binnengewässer. Es verbindet Grundlagen- und Vorsorgeforschung, bildet den wissenschaftlichen Nachwuchs aus und berät Politik und Gesellschaft in Fragen des nachhaltigen Gewässermanagements. Forschungsschwerpunkte sind die Langzeitentwicklung von Seen, Flüssen und Feuchtgebieten und die Auswirkungen des Klimawandels, die Renaturierung von Ökosystemen, der Erhalt der aquatischen Biodiversität sowie Technologien für eine nachhaltige Aquakultur.   

„Forschen für die Zukunft unserer Gewässer“ ist der Leitspruch des Leibniz-Instituts.   

Monika Hermeling

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