Die anderen Birnen

Wie entstehen Jungfernfrüchte?       

Entweder im Herbst bis Frostbeginn oder ab Nachwinter, wenn die Erde wieder frostfrei wurde, ist Pflanzzeit für Obstbäume, also auch für Birnen. Eine der angesagtesten Sorten ist ‚Conference‘, da sie sich an durchschnittlich guten Standorten als zuverlässiger Träger wohlschmeckender Früchte erweist. Wer sich genauer mit den Eigenschaften dieser Sorte beschäftigt, stößt immer wieder auf den Hinweis von Jungfernfrüchtigkeit (Parthednokarpie). Was ist das?      

Allgemein bekannt ist, dass sowohl die Blüten von Birnen- wie Apfelsorten jeweils mit Pollen einer anderen Sorte bestäubt werden müssen, ehe sie Früchte ansetzen, im Gegensatz zu anderen Obst­arten, die mit eigenem Pollen fruchten können. An einem ‚Conference‘-Baum wachsen oft seltsam geformte Früchte, die lang oder walzenförmig nicht dem typischen Aussehen entsprechen. Zerteilt man eine solche Frucht, findet man das Kerngehäuse fast nicht, so rudimentär ist es entwickelt. Es fehlen Samenkerne oder sie sind taub. Solche Früchte sind ohne Bestäubung gewachsen, sind so genannte Jungfernfrüchte. Sie schmecken wie andere, normal entstandene. ‚Conference‘ neigt mehr als andere Birnensorten dazu, Jungfernfrüchte zu bilden. Darauf kann man sich jedoch keinesfalls verlassen und die Sorte ohne geeigneten Bestäuber pflanzen. Das wären zum Beispiel ‘Williams Christ‘ oder ‘Gute Luise‘.      

Im Gegensatz zu Birnen ist Jungfernfrüchtigkeit bei Äpfeln weniger verbreitet, wiewohl vorhanden. Die Entstehung von Jungfernfrüchten wird gefördert, wenn zum Beispiel während der Blütezeit leichter Frost die Blüten irritiert oder etwas anderes für Unruhe im Ablauf sorgt. Muss man Jungfernfrüchtigkeit negativ bewerten? Grundsätzlich nein, solange sich die Früchte normal entwickeln und schmecken. Jungfernfrüchtigkeit entspricht ohnehin einem allgemeinen Wunsch nach kernlosen Früchten wie bei Gurken und Melonen. Kerne sind bei Verzehr und Verwertung meist nur lästig. Auch gängige Weinbeeren sind Jungfernfrüchte, weil Verbraucher Traubenkerne als äußerst störend empfinden, obwohl sie genau genommen das Wichtigste an Trauben sind mit vielen sehr guten Inhaltsstoffe, die die Gesundheit fördern.   

Jungfernfrüchtigkeit ist beileibe kein zu vernachlässigendes Randgebiet im Obstbau, sondern gewinnt zunehmend an Bedeutung. Bei der Anlage von Streuobstwiesen scheiden als Bestäuber Honigbienen weitgehend aus. Man muss sich auf Wildbienen und ähnliche Insekten verlassen, die jedoch nicht immer ausreichend vorhanden sind. Also ist Jungfernfrüchtigkeit in solchen Fällen willkommen, je mehr, desto besser. Das berücksichtigen ebenfalls vermehrte Versuche, bewusst entsprechende Sorten zu züchten, denn Klimawandel verstärkt den Wunsch nach Jungfernfrüchtigkeit. Mit negativen Umwelteinflüssen fallen immer mehr Insekten als Bestäuber aus. Jungfernfrüchtigkeit kann helfen, Erträge zu sichern.

Ilse Jaehner     

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