Das Behaarte Schaumkraut kommt im Topf

Beim kürzlichen Besuch im Garten-Center fiel mir in einem Topf mit einer Lorbeerpflanze eine alte Bekannte auf. Das Behaarte Schaumkraut, botanisch Cardamine hirsuta. Als kostenlose Beigabe kommt sie meist im Topf, wobei sie hinsichtlich der Reisepartner scheinbar nicht wählerisch zu sein scheint.
Es wurde gelegentlich schon angenommen, dass an der mittlerweile fast weltweiten Verbreitung dieser Pflanze die Substrat abfüllenden Betriebe verantwortlich waren. Dieser Verdacht ist zunächst naheliegend, doch sind es hier in der Regel andere Pflanzen die zuweilen etwas lästig werden können.
Es ist erstaunlich, welche Strategie diese Cardamine-Art entwickelt hat, um erfolgreich zu sein. Und dabei ist sie nicht die Einzige die sich dieses besonderen Verbreitungsmechanismus bedient. Das Behaarte Schaumkraut kann lästig werden und dennoch nützlich für uns sein. Diese Tatsachen sind bei dieser Pflanze sehr zutreffend. Ist sie erst einmal da, wird es sehr schwer, sie wieder loszuwerden, denn die schnelle Verbreitung ermöglicht ein Schleudermechanismus, der die zahlreich in kleinen Schoten enthaltenen Samen bis über einen Meter weit von der Mutterpflanze entfernt. Im reifen Zustand genügt meist schon ein unbewusstes Berühren dieser Schoten, um das explosive Ausschleudern auszulösen. Und dies in einer Umgebung wo getopfte Pflanzen sehr nahe beieinanderstehen. Hinzu kommt eine bei den sogenannten ‚Unkräutern‘ sehr hohe Keimfähigkeit und im Falle dieser Cardamine eine kurze Entwicklungszeit. Oftmals blüht und fruchtet Cardamine noch unerkannt schon als kleines Pflänzchen und macht sich dann auch schnell im Pflanzenbestand breit.
Noch vor etwa 40 Jahren war Cardamine eine Seltenheit, doch irgendwann hat dieses Kraut seine Nische in den Gärtnereien und in den Töpfen entdeckt – die Wachstumsbedingungen dort sind ja geradezu ideal ­– und mit dem internationalen Pflanzenhandel oder der pflanzlichen Globalisierung eine Reise durch Europa unternommen. Und wo Cardamine hirsuta ankommt, da bleibt sie auch. Die Bekämpfung ist, einfach doch zugleich mühevoll, denn die ausgestreuten Samen keimen nach und nach, sobald die optimalen Bedingungen vorhanden sind. Bei genauerem Hinsehen sind anfangs nur die zwei runden Keimblätter zu erkennen, später entwickeln sich die Rosettenblätter, die 3–7 Fiedern aufweisen. Das Endblättchen ist in der Regel größer und typischerweise rauten- oder nierenförmig. Die weiß- bis blass­violetten Blütchen stehen auf langen aufrechten Stielen. Mehrmaliges manuelles Entfernen ist nötig, um der Pflanze Herr zu werden. Dabei kommt zugute, dass das Wurzelwerk bei den Pflanzen nicht stark ausgeprägt ist. Braucht es im Topf auch nicht, denn in dieser Umgebung wird man ja aufs Beste versorgt.
Doch lässt sich dieser lästigen Pflanzen auch etwas auch Gutes abgewinnen, denn die jungen und auch die etwas größeren Pflänzchen sind als Ganzes essbar und im Geschmack mit der Gartenkresse (Lepidium sativa) vergleichbar. Die Engländer nennen diese Pflanze ‚hairy bittercress‘ – das bringt eigentlich den ganzen und vor allem essbaren Charakter der Pflanze zum Ausdruck: die feine Behaarung und der kressig, leicht bittere Geschmack.
Cardamine lässt sich in ähnlicher Weise wie Kresse verwenden: als Zugabe zu Salaten, direkt als Brotauflage oder auch in Verbindung mit Streichkäse. Was Kresse und Behaartes Schaumkraut gemeinsam haben ist die Zugehörigkeit zur Familie der Kreuzblütler (Brassicaceae, früher Cruciferae), wobei ihnen der typische leicht senfartiger, pfeffriger Geschmack mit in die Wiege gelegt wurde. Also bitte nicht ärgern, wenn sie einem Behaarten Schaumkraut im Topf begegnen, denn Sie haben die Möglichkeit, es kulinarisch vollständig zu ‚entsorgen‘ und werden es vermutlich gelegentlich in einem Topf finden. 

Thomas Bay

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